Große Freiheit

Auf der Suche nach der großen Freiheit. Ein Groschenroman rund um Sankt Pauli in den 60er Jahren mit aufregender Zeitgeist-Atmosphäre. Prima!

Wol­li Köh­ler treibt durchs Leben, träumt von einem Dasein als Künst­ler und ent­wi­ckelt sich auf der Suche nach der gro­ßen Frei­heit schein­bar zufäl­lig zu einem Lebens­künst­ler ganz ande­rer Art. Nach eini­gen nicht näher beschrie­be­nen Irr­we­gen legt er im Sankt Pau­li der 60er Jah­re eine stei­le Kar­rie­re hin. Schein­bar mühe­los arbei­tet er sich vom Dro­gen­dea­ler über den Por­tier bis hin zum Geschäfts­füh­rer so man­chen ero­ti­schen Eta­blis­se­ments hoch. Immer wie­der gibt es Nie­der­la­gen, doch Wol­li ist ein Steh­auf­männ­chen. Mit tro­cke­ner Sach­lich­keit berich­tet er vom Leben unter Puff-Bos­sen, Stra­ßen­mäd­chen und schil­lern­den Transvestiten. 

Mit eini­gen gro­schen­ro­m­an­wür­di­gen Sex­sze­nen gewürzt wird die Lek­tü­re zum Guck­loch für Voy­eu­re, die schon immer mal wis­sen woll­ten, was hin­ter den Türen von Sankt Pau­li so los ist. Ganz neben­bei wird mit Erwäh­nung poli­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Gescheh­nis­se der frü­hen 60er Jah­re an die noch ganz ande­ren Umstän­de erin­nert, unter denen sich die Sze­ne ent­wi­ckel­te. Eben­falls ganz neben­bei erle­ben wir den kome­ten­haf­te Auf­stieg einer anfangs noch stüm­per­haf­ten Band namens „The Beat­les“, die damals in zwie­lich­ti­gen Ham­bur­ger Kel­ler-Knei­pen auf­trat und zusam­men mit ande­ren klei­nen und gro­ßen Stars der Musik­sze­ne viel Zeit­geist-Atmo­sphä­re hereinbringen.

Einen tief­grün­di­gen Ent­wick­lungs­ro­man darf man hier nicht erwar­ten. Wol­li bleibt durch sei­ne tro­cke­ne Art immer distan­ziert. Mit einer gera­de­zu bewun­derns­wer­ten Gleich­mü­tig­keit begeg­net er dem Elend genau­so wie dem Glanz jener Par­al­lel­welt. Dadurch wir­ken alle Figu­ren und die Hand­lung lei­der ober­fläch­lich und manch inter­es­san­ter Cha­rak­ter, wie der tra­gi­sche Tra­ves­tie-Star Cara­cal­la, blei­ben ein dunk­les Mys­te­ri­um. Letz­ten Endes gefällt mir der Stil-Mix aus Tat­sa­chen­be­richt mit Gro­schen­ro­man-Ele­men­ten aber rich­tig gut. Und auch wenn Wol­li mir nicht nahe geht, macht er doch als Medi­um für eine span­nen­de Ära im Ham­burg der 60er Jah­re eine ganz gute Figur. 


Buchcover Große Freiheit von Rocko Schamoni

Gro­ße Frei­heit
Rocko Scha­mo­ni
han­ser­blau, 2019
ISBN 9783446262560

Die­ses Buch wur­de mir als kos­ten­lo­ses Rezen­si­ons­ex­em­plar vom Ver­lag über die Platt­form Lovely­Books zur Ver­fü­gung gestellt.

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