Mon Chéri und unsere demolierten Seelen

Es gibt Bücher, da fällt es mir total schwer, eine Rezension zu schreiben und ich schiebe es ewig lang vor mir her. Dazu gehören besonders schlechte Bücher und besonders Gute. Zu letzteren gehört dieses hier.

Char­ly ist 43, Sin­gle, und wohn­haft in Ber­lin. Ziem­lich nüch­tern betrach­tet sie ihr Leben, was sie hat und was ihr viel­leicht fehlt. Auf der Haben­sei­te stehen: 

  • Ein zufrie­den­stel­len­der Job im Mar­ke­ting eines Start-ups für vega­ne Fertiggerichte, 
  • eine gute Bezie­hung zu ihrer eben­falls in Ber­lin leben­den Schwester, 
  • eine Woh­nung mit net­tem Nachbarn, 
  • ziem­lich viel tro­cke­ner Humor. 

Der Humor hilft ihr wun­der­bar auf die ande­re, die defi­zi­tä­re Sei­te zu bli­cken. Als da wären: 

  • Ein kaput­tes Fahr­rad, das sich aber noch wun­der­bar zum Her­um­schie­ben der Tasche eignet, 
  • eine Post­phobie, mit der sie aber gut leben kann, seit sie pro­fes­sio­nel­le Hil­fe durch Herrn Schab­ow­ski erhält, der nicht nur ihre Brie­fe öff­net, son­dern auch ein wun­der­ba­rer Gesprächs­part­ner ist,
  • andau­ern­de Bezie­hungs­pro­ble­me mit Männern.

Letz­te­res scheint sich zwar zu lösen, als gleich drei tol­le Män­ner in ihr Leben tre­ten (einer davon ihr net­ter Nach­bar), ver­kom­pli­ziert dann jedoch schlag­ar­tig, als sie merkt, dass sie schwan­ger ist. Und das auch noch gleich­zei­tig mit der Nach­richt einer schlim­men medi­zi­ni­schen Dia­gno­se für Herrn Schabowski. 

Was auf den ers­ten Blick wie eine seicht unter­hal­ten­de Lie­bes­dra­mö­die aus­sieht, durch die fast schon kari­ka­tures­ke Über­zeich­nung der neu­ro­ti­schen Haupt­fi­gur und ihre teils slap­stick­ar­ti­gen Erleb­nis­se noch ver­stärkt, ent­wi­ckelt sich zu einer rich­tig klu­gen und tief­ge­hen­den … äh ja, immer noch Lie­bes­dra­mö­die. Zum Ende hat­te ich sogar einen ziem­li­chen Kloß im Hals. Ein biss­chen resis­tent soll­te man sein für die eso­te­ri­schen Vibes, denn es kom­men eini­ge Fami­li­en­auf­stel­lun­gen und Medi­ta­ti­ons­kur­se vor, doch wenn Char­ly sie mit gelas­se­nem Zynis­mus ertra­gen kann, dann kön­nen wir das auch.

Den unvor­ein­ge­nom­me­nen Leser erwar­tet eine lus­ti­ge, aber auch zu Her­zen gehen­de Geschich­te mit skur­ri­len Figu­ren und eini­gen schö­nen Lebens­weis­hei­ten, ganz ohne Kitsch und Pathos. Für mich zählt die­ses wun­der­ba­re Buch zu den Lese­high­lights des Jahres.


Mon Ché­ri und unse­re demo­lier­ten See­len
Vere­na Ross­ba­cher
Kie­pen­heu­er & Witsch, 2022
ISBN 9783462001198

Die­ses Buch wur­de mir als kos­ten­lo­ses Rezen­si­ons­exem­plar vom Ver­lag über die Platt­form Net­Gal­ley zur Ver­fü­gung gestellt.

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