Honey

Schwer verdauliche, aber hochaktuelle Lektüre an den Schnittstellen von Rasse, Macht und Feminismus.

Die Sozio­lo­gie-Dok­to­ran­din Yrsa schnippt einem Pro­fes­sor, der die Arbeit ihrer Freun­din gestoh­len hat, unbe­merkt eine Bie­ne ins Getränk – und sieht ihm kalt­blü­tig beim Ster­ben zu. Sein Tod war kei­ne Absicht, aber die Genug­tu­ung gibt ihr einen Kick. Von da an mor­det sie gezielt Män­ner, die es ihrer Mei­nung nach ver­dient haben.

Ich habe mich mit die­ser Rezen­si­on schwer­ge­tan. Nach den ers­ten Kapi­teln woll­te ich das Buch noch als Ent­täu­schung abtun: Der Klap­pen­text lässt einen Thril­ler erwar­ten, die Lek­tü­re fühl­te sich jedoch eher wie ein Sozio­lo­gie-Semi­nar an. Yrsa forscht an der Uni Cam­bridge zum The­ma Afro­pes­si­mis­mus. Ich hat­te zuvor noch nie davon gehört und war mit den phi­lo­so­phi­schen Pas­sa­gen schlicht über­for­dert. Zudem ist Yrsa kei­ne Hel­din, die man ins Herz schließt. Sie ist extrem intel­lek­tu­ell und wirkt selbst im eige­nen Umfeld kühl und unnah­bar. Im ers­ten Drit­tel fehl­te mir schlicht der Spannungsbogen.

Was dann aller­dings kam, waren die Nach­rich­ten aus Ber­lin über die Eska­la­ti­on um den Ver­ein EOTO im Volks­bad, dicht gefolgt von Nach­rich­ten aus Eng­land rund um Jason Arday. Das führ­te mich dazu, noch­mal genau­er nach­zu­le­sen, was Afro­pes­si­mis­mus bedeu­tet: Die Theo­rie besagt im Kern, dass Schwar­ze Men­schen in west­li­chen Gesell­schaf­ten nie auf ech­te Gleich­be­rech­ti­gung hof­fen kön­nen, weil das Sys­tem selbst auf ihrem Aus­schluss auf­baut. Weder Geset­ze noch Diver­si­täts­kam­pa­gnen kön­nen ver­hin­dern, dass Schwar­ze immer nach ande­ren Kri­te­ri­en beur­teilt wer­den als „die Norm“. 

Mit die­sem Wis­sen sehe ich „Honey“ in einem völ­lig neu­en Licht. Yrsas Mor­de ent­sprin­gen einer tie­fen Macht­lo­sig­keit gegen­über dem Sys­tem. Statt zu resi­gnie­ren, kana­li­siert sie ihre „Black Fema­le Rage“ in eine kras­se Form der Selbst­er­mäch­ti­gung. Dazu kom­men Moti­ve aus ihrer Ver­gan­gen­heit, die erst recht spät ent­hüllt werden.

Ich emp­feh­le, dem Buch eine Chan­ce zu geben. Wer kei­nen klas­si­schen Unter­hal­tungs-Thril­ler erwar­tet, erhält eine schwer ver­dau­li­che, aber hoch­ak­tu­el­le Lek­tü­re über Ras­sis­mus, Macht­struk­tu­ren und Feminismus.


Buchcover „Honey“ von Imani Thompson

Honey
Ima­ni Thomp­son
Rowolth Ver­lag, 2026
ISBN 978−3−498−00789−8

Die­ses Buch wur­de mir als kos­ten­lo­ses Rezen­si­ons­exem­plar über Vor­ab­le­sen zur Ver­fü­gung gestellt.

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