Die Doktorandin und Dozentin Yrsa schnippt einem Professor, der ihre Kommilitonin ausgenutzt und ihr die Forschungsergebnisse gestohlen hat, unbemerkt eine Biene ins Getränk – und sieht ihm kaltblütig beim Sterben zu. Sein Tod war zwar nicht ihre Absicht, aber das Gefühl der Genugtuung gibt ihr einen Kick. Von da an mordet sie gezielt – aber nur Männer, die es ihrer Meinung nach verdient haben.
Ich hinke mit der Rezension dieses Buches hinterher, denn es fühlt sich irgendwie unbequem an, eine Meinung dazu zu formulieren. Um ehrlich zu sein: Vor einer Woche wollte ich noch darüber schreiben, wie mich dieses Buch enttäuscht hat, weil mich der Klappentext einen Thriller erwarten ließ, sich die Lektüre aber eher wie ein Soziologie-Seminar anfühlt. Yrsa beschäftigt sich an der Uni Cambridge mit Afropessimismus, einer Theorie, die auf der Annahme basiert, dass Schwarze Menschen in der westlichen Gesellschaft niemals auf Gerechtigkeit hoffen können. Demnach können weder Integration, Gesetze noch Diversitätskampagnen erreichen, dass Schwarze als gleichwertige Menschen angesehen werden und immer nach anderen Kriterien beurteilt werden als „die Norm“. Ich hatte zuvor noch nie davon gehört und war mit den teils philosophischen Passagen im Buch etwas überfordert. Zudem ist Yrsa keine Heldin, die man ins Herz schließt. Sie ist extrem intellektuell und wirkt selbst innerhalb ihres sozialen Umfelds kühl und unnahbar. Ich habe vor allem im ersten Drittel einen Spannungsbogen vermisst, empfand die Lektüre als anstrengend und zäh.
Und dann verfolgte ich mit Entsetzen die Eskalation rund um den Verein EOTO und das Volksbad Berlin. Dicht gefolgt von Nachrichten aus England, rund um Jason Arday. Und dann las ich nochmal genauer nach, was Afropessimismus bedeutet. Und jetzt komme ich nicht umhin, „Honey“ nochmal aus einer anderen Perspektive zu bewerten. Yrsas Taten entspringen dem Gefühl absoluter Aussichtslosigkeit gegenüber dem System und sind somit stark von einer afropessimistisch geprägten Logik durchdrungen. Statt zu resignieren, wandelt sie ihre „Black Feminine Rage“ in eine krasse Form der Selbstermächtigung um. Dazu kommen Motive aus ihrer Vergangenheit, die erst recht spät enthüllt werden.
Ich empfehle, dem Buch eine Chance zu geben und dran zu bleiben. Man darf nur keinen klassischen Thriller oder einen satirischen Unterhaltungsroman erwarten. Dieses Buch lässt sich schlecht einem Genre zuordnen. Die tiefer liegenden Themen des Rassismus und Feminismus sind schwer zu verdauen, zeigen aber (leider) verblüffende Schnittstellen zu aktuellen Themen auf.

Honey
Imani Thompson
Rowolth Verlag, 2026
ISBN 978−3−498−00789−8
Dieses Buch wurde mir als kostenloses Rezensionsexemplar über Vorablesen zur Verfügung gestellt.
