Im Wien des Jahres 1896 steht Oberinspektor Leo von Herzfeldt vor einem rätselhaften Ritualmord an einer jungen Frau. Zwar gibt es schnell einen Hauptverdächtigen, doch der einzige Zeuge – ein schwer traumatisierter junger Mann – befindet sich in der Nervenheilanstalt und ist nicht vernehmungsfähig. Während die Ermittlungen stocken, vertraut Leo seinem Bauchgefühl. Mit Hilfe des aufstrebenden Psychoanalytikers Sigmund Freud versucht er, die verschütteten Erinnerungen aus dem Unterbewusstsein des Zeugen zu kitzeln.
Neben dem Kriminalfall überzeugt das Buch durch die gelungene Weiterentwicklung der Figuren, die im mittlerweile fünften Band der Reihe heimelig vertraut und liebenswert erscheinen. Die Verlobung zwischen Leo und Julia führt zu einer familiären Krise und auch die Spannungen zwischen Augustin Rothmayer und seiner Ziehtochter Anna, mittlerweile ein Teenager mit eigenen Zielen und Ambitionen, bereichern die Romanhandlung.
Oliver Pötzsch zieht mit seiner gewohnt bildhaften Sprache sofort in den Bann. Viele interessante historische Details lassen das Wien jener Zeit vor dem geistigen Auge lebendig werden.
Besonders stark ist die Beklemmung durch die gesellschaftspolitischen Parallelen zur Gegenwart: Rechtsextreme Kräfte schüren Ängste vor Migranten, Juden und Minderheiten. Krisen werden instrumentalisiert, und der Zeitgeist einer Welt im Umbruch zeigt eindringlich, wie Überforderung durch rasanten technologischen und gesellschaftlichen Wandel den Nährboden für Verschwörungstheorien schafft.
Atmosphärisch dicht, beunruhigend aktuell und durchgehend fesselnd – eine absolute Leseempfehlung für Fans von historischen Kriminalromanen und Wien-Liebhaber.

Der Totengräber und der Orden des Teufels
Oliver Pötzsch
Ullstein Buchverlage, 2026
ISBN 9783864932670
Dieses E‑Book wurde mir als kostenloses Rezensionsexemplar über NetGalley zur Verfügung gestellt.
